Nengai

Im Zuge des des nationalen Impftages 2007 fand Florian in einer Massaisiedlung im Busch das 7-jährige Mädchen Nengai, das an einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte litt. In der Kultur der Massai ist es üblich, Neugeborene mit körperlichen oder geistigen Behinderungen sterben zu lassen.

Eine Woche später konnte Florian nach Verhandlungen mit den Ältesten Nengai ins „Endulen Hospital“ holen.

Zurück im Krankenhaus wurde sie auf Würmer, Malaria und andere „Alltagskrankheiten” des Buschlebens untersucht, um vollständig gesund für die Operation zu sein, die einen Monat später von deutschen Ärzten in der Großstadt Arusha durchgeführt wurde.

Mittlerweile sind die Narben vollständig verheilt und Nengai wird endlich von ihrem Stamm als eine der ihren anerkannt.

Schließlich haben wir noch dafür gesorgt, dass sie zusammen mit anderen Mädchen, die ein ähnliches Schicksal teilen, ihren Entwicklungsrückstand in einer von einem amerikanischen Priester geleiteten Vorschule in Endulen aufholen kann.

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Bericht von Florian, Sommer 2008:

Nengai

…was aus dem kleinen Massai-Mädchen geworden ist

Fast auf den Tag genau nach einem Jahr fuhren wir letzten Mittwoch mit Father Ned, seit 35 Jahren Missionar in Ostafrika, und einigen der Kinder, die er auf Grund von unheilbaren Krankheiten oder körperlichen bzw. geistigen Behinderungen aufgenommen hat, zu dem Ort, an dem ich das Massai-Mädchen Nengai im Juni 2007 aufgelesen habe.

Damals fuhr ich mit weiteren Krankenhausmitarbeitern im Zuge einer nationalen Impfkampagne von einer Massaisiedlung zur nächsten durch die Serengeti. Wir wollten alle Kinder unter fünf Jahren gegen Wurmerkrankungen immunisieren und sie mit Vitamintabletten versorgen. In einem der entlegensten Siedlungen fand ich – von den Bewohnern ver- steckt – Nengai, die an einer doppel- seitigen Mund-Kiefer-Gaumen-Spalte litt. Sprechen, Essen und Trinken fiel ihr schwer. Sie war dem Tode geweiht, denn Massai vernachlässigen Kinder mit derartigen Behinderungen.

Das Massaimädchen ernährte sich hauptsächlich von Fäkalien, eine Maßnahme, die ihnen durch das Leben in einer unwirtlichen Gegend im Laufe der Zeit aufgezwungen wurde. Wie ihren Eltern versprochen, konnte ich sie zwei Wochen später abholen und ins „Endulen Hospital“ bringen, wo sie von Kopf bis Fuß untersucht und aufgepeppelt wurde.

Das war dringend notwendig, denn wir wollten sie so schnell wie möglich ganz gesund bekommen. Schließlich konnte ich zusammen mit holländischen Doktoren und dem „Flying Medical Service“ (FMS) einen Operationstermin in Arusha organisieren.

Am 26. August 2007 wurde schließlich ihre Mund-Kiefern-Gaumen Spalte vollständig geschlossen. Alles verlief ohne Probleme.



Sarah, die australische Physio- therapeutin aus dem „Selian Hospital” in Arusha hatte damals den Besuch des ausländischen Chirugen organisiert. Sie erzählte mir am neulich, dass Nengai andere Kinder mit der gleichen Behinderung zuerst verwundert angestarrt und dann berührt habe. Es sei sehr wichtig für sie gewesen, dass sie vor und nach der Operation Freunde fand, mit denen sie die schwierige und schmerzhafte Zeit durchstehen konnte.

Die Piloten des FMS berichten zudem, dass sich vor allem Nengais Inneres verändert habe – viel mehr als „nur“ ihr äußeres Erscheinungsbild. Von Father Ned, der seit ihrer Rückkehr nach Endulen im Januar 2008 auf sie aufpasst, erfuhr ich, dass sie ihren Kopf immer noch hängen ließ, wie sie es seit ihrer Geburt gewohnt war, um ihre Entstellung zu verbergen. Seit März 2008 lebt sie nämlich bei Father Ned und besucht den Kindergarten in Endulen. Er sorgt sich sehr um sie und hat es geschafft, dass sie mittlerweile aufrechter durchs Leben geht und offen auf Menschen zugeht.

Seiner Einladung sind wir schließlich im Sommer 2008 gefolgt, um Nengais Mutter aufzusuchen. Mehr als fünf Monaten lebten Mutter und Tochter getrennt voneinander. Als wir uns nach langer Fahrt der Massaisiedlung näherten, fing Nengai an zu weinen. Aus Vorfreud oder aus Angst – wir waren uns alle nicht sicher. Sie schwieg und starrte auf den Boden. Ihre Mutter trat vor den Dornenzaun, der die Siedlung umgab. Sie kniff ihre Augen zusammen, um durch den aufgewirbelten Staub das haltende Auto sehen zu können. Die Verwunderung war groß, als Father Ned Nengai aus dem Auto hob. Tränen liefen über ihre Wangen. Immer mehr Frauen und Kinder strömten herbei, um zu sehen, was vor sich ging. Nengai wurde von allen herzlich begrüßt. Wir unterhielten uns mit Nengais Familie und erzählten mit Hilfe unseres Übersetzers Godwin, was seit dem letzten Treffen alles im Leben von Nengai passiert ist. Zu Anfang glaubten sie unserer Geschichte nicht – hatten sie ja noch nie erlebt, dass eine derartige Operation möglich ist. Nengais Mutter führte ihre Tochter in der Zwischenzeit in die heimische Hütte. Nach einiger Zeit kamen sie mit einer großen weißen Plastiktüte zurück. Fest umklammerte das Mädchen diese; darin befanden sich Geschenke für die Schule, in die Nengaiab nächstem Jahr gehen sollte: Stifte, Hefte und Kekse, die ihre Mutter seit der Trennung zusammengetragen hatte. Nengai ließ sie auf der ganzen Rückfahrt nicht aus den Augen und hielt sie immer schützend zwischen ihren Beinen.

Als wir am Abend ins vertraute Endulen zurückkamen, schlief sie seit langem. Die Tüte mit den Geschenken immer noch fest in den Händen.

Es war damals im Sommer 2007 nicht einfach gewesen, ihre Familie von der Operation zu überzeugen. So hatte ich große Bedenken, nun zu Nengais Mutter zurückzukehren. Wird sie von ihrer Familie aufgenommen? Wird sie überhaupt noch erkannt? Wie werden die Verwandten reagieren? Haben wir/habe ich damals die richtige Entscheidung getroffen? Die Mutter erkannte mich und war wütend. Wütend darüber, dass sie nichts von unserem Besuch wusste, denn sonst hätte es ein Fest gegeben. Sie erinnerte sich an mich. An alle Erlebnisse des letzten Jahres. Sie war gerührt und von Herzen dankbar. Das „Ashe na leng“ (Kimassai für „Vielen Dank“), das sie immer wiederholte, klingt heute noch in meinen Ohren. Sie schenkte mir Armreifen, die sie selbst um meine Handgelenke band. Es sind nur bunte Perlen in Mustern auf Drähten aufgewickelt, aber für mich sind sie ein Zeichen, dass die Entscheidungen um die kleine Nengai die richtigen waren.


Diese Geschichte berührt mich bis heute und ich werde sie niemals vergessen. Gibt sie doch eine Antwort auf die Frage, warum ich hier in Tansania – in einem Entwicklungsland – arbeiten und leben will.

Der Transport von Endulen nach Arusha und zurück, die Versorgung Nengais und ihrer Mutter während ihrer Krankenhausaufenthalte und nicht zuletzt die Operation haben umgerechnet 500 € gekostet.

500 €, die Nengai das Essen und Trinken ohne Behinderung ermöglichen.

500 €, ein paar Telefonate sowie E-Mails, die es Nengai ermöglichen, Sprechen zu lernen.

500 €, ein paar Telefonate sowie E-Mails und die Zusammenarbeit vieler, bedeuten für Nengai Leben.

500 € sind nicht viel.

500 Menschen – ungefähr 1/5 der Einwohner Aufhausens, ungefähr 1/4 der Studenten der Universität Witten Herdecke – müssten nur einmal 1 spenden, um einem Kind wie Nengai zu helfen…

In solchen Gedanken versunken,

euer Florian




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